Inleiding Rudi Leiprecht (deutsch)
Internationale Vergleiche: Ideologien und Realitäten
Activiteit: Anton de Kom-lezing
Internationale Vergleiche:
Ideologien und Realitäten
1.
Bei Vorträgen in Deutschland zeige ich in letzter Zeit immer wieder einen Cartoon: Man sieht dort eine Drängelei von mehreren Herren um ein Rednerpult mit vielen Mikrophonen. Offenbar handelt es sich - darauf weist ein Feld zum Ankreuzen und ein einsatzbereiter Stift auf der Vorderseite des Pults hin - um eine Situation in Wahlkampfzeiten. Die dargestellten Politiker versuchen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen, in dem sie lautstark allerlei Sprüche von sich geben; Sprüche, die - milde gesagt - eine deutliche Ablehnung gegenüber der multikulturellen Einwanderungsgesellschaft zeigen. Am rechten Rand sehen wir eine Figur, die den Namen Gerhard Frey trägt. Gerhard Frey ist der Chef der deutschen rechtsextremen Partei DVU und des Herausgebers der Deutschen Nationalzeitung. Ihm wird deutlich gemacht, dass das Pult bereits voll ist, in wunderschöner Anspielung auf eine Redewendung, die häufig zur Abwehr von asylsuchenden Flüchtlingen benutzt wird: 'Das Boot ist voll'. Die Figur verlangt Rehabilitation. Es ist deutlich: Die Herren, die näher an den Mikrophonen stehen, benutzen Parolen und Inhalte, die Gerhard Frey selbst benutzt hat, und offenbar haben sie ihn früher deswegen gemieden und an den 'rechten Rand' gestellt. Heute, so könnte man den Cartoon interpretieren, sind diese Parolen und Inhalte in die Mitte des politischen Diskurses gerückt.
In Deutschland fällt es dem Publikum nicht schwer, genau diese Konstellation als eine zu beschreiben, die immer wieder auch in Deutschland zu beobachten ist: Parteien der Mitte greifen in Diskursen zu Einwanderung und multikultureller Gesellschaft rechtspopulistische Parolen und Inhalte auf und versuchen so, Wählerstimmen für sich zu gewinnen. Nun ist diese rechtspopulistische Anrufung keineswegs so unschuldig, wie oft behauptet wird. Es handelt sich eben nicht nur darum, Rechtsaußen-Parteien gewissermaßen zu neutralisieren, sondern - wenn die Anrufung gelingt und eine größere Bevölkerungsgruppe hinter diesen Parolen zu stehen scheint - findet in der Regel auch eine deutliche Mobilisierung dieser inhaltlichen Positionen statt, die im Zusammenleben der Gesellschaft ihre unheilvolle Wirkung entfalten können. Sie haben einen Anschein von Gültigkeit und Respektabelität und gewonnen.
Nun irritiert bei meinen Vorträgen in Deutschland ein wenig die kleinere Figur, die links unten zu sehen ist, eine bestimmte Handbewegung macht und "Auch zu Ihren Diensten" ruft. Es ist deutlich, dass es sich hier um eine Anspielung auf eine Geste und eine Aussage von Pim Fortuyn handelt. Dem Publikum in Deutschland wird spätestens hier klar, dass dieser Cartoon in Wirklichkeit aus dem niederländischen Kontext stammt und von mir ins Deutsche übersetzt wurde. In der anschließenden Diskussion, in der die Situation in Deutschland mit der Situation in den Niederlanden verglichen wird, zeigt sich, dass ähnliche Konstellationen durchaus in beiden Ländern zu beobachten sind. Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Eine charismatische Figur wie Pim Fortuyn, eine politische Figur, die homosexuell, reich, exzentrisch und zugleich ein redegewandter Medienpopstar war, entsprechende rechtspopulistische Parolen vertrat und es landesweit treffend verstand, die Negativ-Stimmung vieler anzusprechen und zu mobilisieren, ist in Deutschland nicht in Sicht - noch nicht vielleicht. Und vermutlich müsste eine solche Figur in Deutschland auch andere Attribute haben als Pim Fortuyn: Jemand, der als Homosexueller öffentlich über seine Besuche in Dark-Rooms philosophiert, dürfte in Deutschland kaum diese breite Zustimmung finden. Gleichwohl ist die gesellschaftliche Situation in Deutschland so, dass man sich unschwer vorstellen kann, dass ein charismatischer und mediengewandter Politiker mit extremen rechtpopulistischen Parolen beachtlichen Erfolg haben könnte.
Ich denke, eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Ländern lässt sich feststellen: Es gibt ein verbreitetes Unbehagen über die spürbaren Folgen des Abbaus des Wohlfahrtstaates und ein Misstrauen gegenüber der etablierten und traditionellen politischen Klasse, und es gibt - dies zeigen viele Untersuchungen in beiden Ländern - ein großes Potential an alltagsrassistischen Vorstellungen, die anrufbar und mobilisierbar sind. Geht man von diesen Gemeinsamkeiten aus, wird deutlich, dass es unsinnig sein dürfte, das eine oder andere Land als Führungsland (gidsland) zu bezeichnen. Es scheint mir eher so, dass wir (potentiell) ein gemeinsames Problem haben.
2.
Ein Anlass unserer heutigen Diskussion sind die Thesen des Soziologen Ruud Koopmans. Er neigt eher dazu, auf Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden aufmerksam zu machen, wo ich Gemeinsamkeiten sehe; und ich muss zugeben, dass seine kritischen Bemerkungen bei mir teilweise durchaus zu positiven Emotionen führten. Jedenfalls zeigen sie, dass es für Überheblichkeit und Selbsteingenommenheit, Haltungen, die ich bei Kolleginnen und Kollegen in den Niederlanden doch des Öfteren feststellen musste, wenig Grund gibt. Koopmans zufolge ist das niederländische Modell kein Erfolg. Schade ist nur, dass er bei seiner Kritik nicht die kritischen Beiträge in den Niederlanden selbst referiert (vgl. für viele andere z.B. Rath 1991, Fase 1993, Leeman 1994, Pels 1995) und auch kaum die wirkliche Praxis in beiden Ländern zur Kenntnis nimmt.
Koopmans charakterisiert die multikulturelle Politik in den Niederlanden als eine, die in der Tradition der Versäulung (Verzuiling) steht, woraus sich eine spezifische "multikulturelle Sichtweise zu Integration" (Koopmans 2002, 91) ergibt: "Organisationen und Aktivitäten mit ethnischer Basis" - so Koopmans - "werden (...) großzügig durch den Staat unterstützt" (ebd.). In allen gesellschaftlichen Bereichen (Arbeitsmarkt, Medien, Bildung, Vereinswesen, usw.) wird mit multikulturellen Konzepten gearbeitet; und nirgends in Europa gibt es so viele Schulen mit religiöser oder ethnisch-religiöser Orientierung. Gerade angesichts der großen Anstrengungen in multikultureller Politik ist es erstaunlich - so Koopmans -, dass die Niederlande im Vergleich zu Deutschland, einem Land, dem "bis vor wenigen Jahren noch überhaupt keine Integrationspolitik nachgesagt werden konnte" (ebd., 89), so schlecht abschneidet. Seine Schlussfolgerung: Es ist gerade die multikulturelle Politik, die zu den unbefriedigenden Ergebnissen führt: "multiculturalism seems to be especially counterproductive" (Koopmans 2005, 1)
Seine These versucht Koopmans mit allerlei Vergleichsdaten zu belegen. Leider geht er dabei nur verifizierend vor - sucht also nach passenden Ergebnissen - und versucht nicht, seine These auch zu falsifizieren. Dies mag sinnvoll sein, um eine Diskussion herauszufordern, für einen wissenschaftlichen Beweis reicht eine solche Vorgehensweise nicht aus. Zudem arbeitet er auf einer ungenügenden Datengrundlage. Er sieht dies übrigens auch selbst: "The sad thing is that after two decades of integration research in Europe this is just about all we have." (Koopmans 2005, 12) Wir haben in Europa noch immer das Problem, dass es kaum empirische Indikatoren und Datensätze gibt, die eine wirkliche vergleichende Analyse erlauben würden. Dies hindert Koopmans jedoch keineswegs, allerlei weit reichende Schlussfolgerungen zu ziehen. Und dort, wo es wirklich vergleichbare Indikatoren und Datensätze gibt, geht er äußerst selektiv vor.
Ein Beispiel: Koopmans thematisiert die educational performance in beiden Ländern und benutzt hierzu u.a. die PISA-Studie. Diese internationale Vergleichsstudie hat in vielen Ländern Testergebnisse zu Schulleistungen erhoben und Befragungen durchgeführt bei 15-Jährigen, wobei auch nach dem Migrationshintergrund (eigener Geburtsort und Geburtsort der Eltern) gefragt wurde. Dieses Kriterium geht über die üblichen, immer unsinniger werdenden Statistiken in Deutschland hinaus, die auf die Staatsangehörigkeit zurückgreifen und deshalb nur unter großen Vorbehalten mit Statistiken über Autochthone und Allochthone, wie sie beispielsweise in den Niederlanden zu finden sind, verglichen werden können.
Bei der PISA-Erhebung 2003 zeigen die repräsentativen Stichproben in Deutschland für 20,6 Prozent und in den Niederlanden für 18,2 Prozent der 15-Jährigen einen Migrationshintergrund, recht ähnliche Größenordnungen also. Koopmans stellt nun anhand der PISA-Ergebnisse fest, dass die Migrantenkinder (immigrant children: two foreign-born parents) in Bezug auf die getesteten Kompetenzen (Leseverständnis, Mathematik, Naturwissenschaften) in den Niederlanden um 90 Punkte schlechter sind als die Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, während in Deutschland dieser Abstand mit 80 Punkte etwas geringer ausfällt (siehe Tabelle 1). Man könnte sagen, dass in beiden Ländern der Abstand zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund relativ groß ist. Koopmans interpretiert dies allerdings folgendermaßen: "Again, the Dutch result is all the more disappointing given the fact that the Netherlands have, in line with its multicultural integration philosophy, extensive special programs to improve the educational performance of immigrant children." (ebd., 8)
Interessant ist, dass Koopmans hier in seinem eigenen Aufsatz von 2005 die Daten der PISA-Studie von 2000 präsentiert. In der PISA-Studie von 2000 wurden jedoch die niederländischen Daten vom internationalen Konsortium wegen Mängel in Bezug auf die festgelegten Stichprobenkriterien aus dem internationalen Vergleich ausgeschlossen (vgl. hierzu PISA 2000, 26). Eine neuere Erhebung von 2003, die diese Mängel nicht aufweist, wird von Koopmans jedoch ignoriert. Diese Vergleichsuntersuchung zeigt, dass in beiden Ländern Jugendliche mit Migrationshintergrund einen statistisch bedeutsamen Kompetenzrückstand gegenüber Jugendlichen ohne Migrationshintergrund haben und dabei deutlich über dem Durchschnitt von 13 vergleichbaren Länderstichproben liegen. Dieser Kompetenzrückstand fällt jedoch in Deutschland deutlich höher aus als in den Niederlanden. Ganz offenbar ein Ergebnis, das nicht zur These von Koopmans zu passen scheint.
Table 1
| PISA 2003: Kenntnisse Mathematik | Durchschnitt der Jugendlichen | Differenz zum Durchschnitt (Kinder von Nicht-Immigranten) | Differenz zum Durchschnitt (Kinder von Immigranten: beide Eltern im Ausland geboren) |
| Deutschland | 503 | +24 | -71 |
| Niederlande | 538 | +14 | -46 |
| Durchschnitt OECD | 500 | +02 | -19 |
3. Ein großer Mangel an Koopmans Arbeiten ist die Tatsache, dass er leichtfertig den politischen und behördlichen Plänen und Vorgaben zu folgen und diese als faktische Realitäten zu interpretieren scheint. Als ein Ausdruck multikultureller Politik bezeichnet er beispielsweise die Förderung des Unterrichts in den Sprachen der Eingewanderten und die Vernachlässigung des Erlernens von Niederländisch. Tatsächlich wiesen die Sprachkurse in Niederländisch über viele Jahre regelmäßig lange Wartelisten auf und entsprachen nicht dem notwendigen Bedarf. Die Realität des muttersprachlichen Unterrichts in den Sprachen von Eingewanderten (OETC) nimmt Koopmans jedoch nicht zur Kenntnis. 1985 wurde zwar ein Gesetz verabschiedet, wonach Primarschulen verpflichtet waren, auf Antrag der Eltern zweieinhalb Stunden pro Woche 'Unterricht in der eigenen Sprache und Kultur' zu unterrichten. Allerdings stand dieser Unterricht von Anfang an unter Druck, weil die große Mehrheit der Lehrkräfte davon ausging, dass sich dieser Unterricht negativ auf den Erwerb der niederländischen Sprache und auf die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten auswirken würde. Diese Stimmen erhielten schließlich die Oberhand, als 1994 eine Kommission im Auftrag des Erziehungsministeriums empfahl, diesen Unterricht aus dem Pflichtpaket zu nehmen, was dann in der Folge auch geschah.
Immer wieder ist in den Niederlanden zu beobachten, dass Maßnahmen und Konzepte von Ministerien und Behörden zwar propagiert, jedoch in der Praxis nicht konsequent umgesetzt werden bzw. ihre Umsetzung nicht kontrolliert wird. So zeigten bereits Mitte der 1990er Jahre (nach Koopmans eine Hochphase multikultureller Politik) mehrere Studien, dass, obwohl es ein Gesetz gab, welches interkulturellen Unterricht als verbindliches Aufgabenpaket der Schule vorschrieb, nur ein kleiner Teil der Schulen solche Programme auch wirklich durchführte (vgl. etwa Fase et. al 1990, Commissie Evaluatie Basisonderwijs 1994).
Ein ähnliches Beispiel aus einem anderen Vergleichsbereich: Die Tatsache, dass die Niederlande "has gone further than any other European country in developing affirmative action for ethnic minorities", wird von Koopmans angeführt als ein Beispiel für multikulturelle Politik (Koopmans 2005, 7). Genannt wird hier u.a. "a recently abolished law"; ein Gesetz, das "required private employers to register the ethnic background of their personnel and to report on a yearly basis on measures taken to increase the share of minorities in the work force" (ebd). Dieses Gesetz war in der Praxis jedoch stets ein 'zahnloser Tiger', da es keinerlei Sanktionsmittel bei Nicht-Befolgung vorsah und von der Mehrheit der Unternehmen mit Erfolg boykottiert werden konnte.
4.
Ich glaube, es ist deutlich geworden, dass bei internationalen Vergleichen auch die wirkliche Praxis in der Umsetzung von Maßnahmen mit berücksichtigt werden muss. Dies erfordert gründlichere Untersuchungen, als sie bis jetzt vorliegen. Ich vermute, dass vieles von der multikulturellen Ideologie in den Niederlanden nie wirklich 'gelebte Realität' geworden ist. Internationale Vergleiche mit dem Ziel, ein Führungsland festzustellen, fördern eher Ressentiments und Überheblichkeitsgefühle zwischen Ländern. Sie unterstützen ein nationales und konkurrenzförmiges Denken und sollten besser unterlassen werden. Ich vermute nämlich, dass es genug gemeinsame Aufgaben und Probleme gibt.
Ein Beispiel: Forschungen in Deutschland zeigen, dass Personen mit Migrationshintergrund, die nach den allgemeinen Indikatoren (Bildungserfolg, Deutschkenntnisse, Partizipation) sehr integriert scheinen, sich häufig keineswegs so fühlen. Integration wird von ihnen als etwas erlebt, das von Seiten der Mehrheitsgesellschaft nur 'auf Abruf' und 'unter Vorbehalt' gegeben ist (vgl. Schramkowski 2005). Gut 'integrierte' Personen mit (familiärem) Migrationshintergrund kennen sich aus: Sie wissen, was Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft ganz selbstverständlich möglich ist, und sie haben eine empfindliche Antenne gegenüber all den subtilen Aus- und Abgrenzungsmechanismen. Sie lesen die Zeitungen und hören die Nachrichten des Einwanderungslandes, und sie können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie eigentlich nicht 'als wirklich dazugehörig' angesehen werden. Was einer Einwanderungsgesellschaft nicht passieren darf, ist, dass genau diese Gruppe von 'erfolgreichen' Eingewanderten mit dem Gedanken spielt, auszuwandern.
Ein weiteres Beispiel: Es gibt in ganz Europa viele Jugendliche, die sich selbst mehr oder weniger explizit dem Islam zuordnen. Ein größerer Teil gehört zu den benachteiligten Gruppen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt, ein kleinerer Teil ist 'bildungserfolgreich' und hat einen zufrieden stellenden Arbeitsplatz. Wie gehen diese Jugendlichen um mit den negativen Botschaften über den Islam, die in den einzelnen europäischen Gesellschaften dominieren (vgl. Benbassa 2005)?
Meiner Meinung nach ist die Beantwortung dieser Fragen wichtiger als die Suche nach einem Modell-Staat für Immigranten-Integration.






